Amerika 2014 // Tag 17: „Ohne Moos nix los“

Wir fahren auf der Interstate „#95 Spur“ Richtung Norden, überqueren den Colorado River und passieren auf der gegenüberliegenden Seite die Stadt Laughlin. Neben Las Vegas und Reno ist sie Nevadas Spielcasinostandort Nummer 3. Und das ist unübersehbar: Der „Colorado Bell“, ein als Mississippidampfer gestaltetes Spielcasino, lädt Spielfreunde in ein ungewöhnliches Ambiente ein. Es dünkt uns, als wäre dies ein ersten Vorgeschmack auf das, was uns in Las Vegas wohl noch in Hülle und Fülle erwarten wird.

Abgesehen von Casinos ist Nevada auch für einige Ghost Towns bekannt, die generell im Südwesten weit verbreitet sind. Ghost Towns sind verlassene Geisterstädte, die zu Zeiten des Gold- und Silber-Booms Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts rasant aus dem Boden schossen, aber nach vergeblicher „Schatzsuche“ und dem ausbleibendem Reichtum genauso schnell wieder in Vergessenheit gerieten. Gefühlt entschieden sich die damaligen Bewohner in einer Nacht- und Nebelaktion alle Zelte unverzüglich abzubrechen und nur das wichtigste Hab und Gut mit sich zu nehmen. Die Häuser und Hütten wurden sich selbst überlassen, Schürfgeräte, Planwagen und andere Hinterlassenschaften waren dem Verfall geweiht.[1]

Unsere Recherchen im Internet ergeben, dass eine wirkliche Ghost Town nicht auf unserem direkten Weg liegt. Mehrere Kilometer Umweg müssten wir in Kauf nehmen. Doch irgendwo in einem Nebensatz entdecken wir den Namen Searchlight. In diesem Städtchen soll es angeblich zumindest den Vorboten einer Ghost Town, eine Art Schürfstätte, zu besichtigen geben. Besser als nichts denken wir uns und fahren somit kurzerhand von der Interstate runter. Nach einiger Zeit entdecken wir unweit der Straße das „Searchlight Historic Museum“ (200 Michael Wendell Way, Searchlight, NV 89046 – Web). Wir beschließen dort einfach mal nachzufragen: Wie sich herausstellt, sind unsere Recherchen insofern richtig, dass Searchlight keine Ghost Town ist, aber durch seine Nähe zu einer Goldmine viel zur Geschichte der Ausgrabung beitragen kann. Die Dame an der Information lädt uns herzlich ein, die kleine Ausstellung dazu nebenan zu besuchen. Wir sollen uns selbst einen Eindruck von der damaligen Zeit machen; eine Zeit, als Searchlight um ein Vielfaches größer war als Las Vegas.

Und die Ausstellung lohnt sich: In einem winzigen Raum, nicht größer als ein Wohnzimmer, erzählen verschiedene Schaukästen, Ausgrabungsfunde und Informationstafeln von der Goldgräberzeit, den damaligen Bewohnern und den unwegsamen Begebenheiten. Liebenswert inszenierte Spielereien, wie ein per Bewegungsmelder startender Willkommensgruß oder ein per Knopfdruck beginnendes Klavierstück aus einem Saloon, machen den Besuch wirklich zu einem unerwartet schönen Highlight. Die Ausstellung ist kostenlos; als Gegenleistung werden wir lediglich gebeten, einen Eintrag im Gästebuch zu hinterlassen. Dieser Bitte kommen wir natürlich mit Freude nach.

Den Gedanken an eine Ghost Town können wir trotz der tollen Eindrücke in Searchlight nicht vollständig abschütteln. Wir unternehmen daher einen zweiten Versuch und fahren nach Nelson. Zunächst scheint auch dieser Ort lebendiger zu sein, als es für eine Ghost Town üblich ist. Die Häuser im „El Dorado Canyon“ wirken gepflegt und bewohnt. Auf den zweiten Blick und ein wenig abseits davon sieht es jedoch anders aus. Plötzlich umgibt uns eine irgendwie eigenartige Atmosphäre und wir bekommen zumindest eine vage Vorstellung von einer Ghost Town. Alles schaut tatsächlich komplett verlassen, veraltet und verrostet aus. Die Spuren der Gold-, Silber-, Kupfer- und Bleigewinnung, die bis in das Jahr 1945 reichen, sind überall sichtbar. Leider hat aber auch hier bereits der Tourismus Einzug gehalten, sodass vieles einer Inszenierung gleicht. Nicht nur das. Nelson dient heute immer wieder als Filmkulisse, was die Sauberkeit und unnatürlich wirkende Unberührtheit erklärt.[2]

Wir setzen unseren Weg Richtung Nordwesten fort und kommen am legendären Hoover Dam (81 Hoover Dam Access Rd, Boulder City, NV 89005) vorbei. Eigentlich, würde uns ein Blick auf den Damm von der Hochbrücke ausreichen. Allerdings haben wir die Rechnung ohne die meterhohen Stahlgeländer gemacht. Wir fahren also über die Brücke, am Damm vorbei und sehen… NICHTS. Stattdessen befinden wir uns plötzlich im Bundesstaat Arizona. Okay, Kommando zurück. Wir müssen den offiziellen, ausgeschilderten Zugang zum Damm nutzen.

Bereits aus dem Autofenster sehen wir eine kilometerlange Warteschlange vor dem Security Check, den jedes Fahrzeug passieren muss. Der Grund hierfür liegt in der recht exponierten Lage und Bedeutung des Damms für die Stromversorgung von Las Vegas und der damit erhöhten Gefahr vor Terroranschlägen.[3] Die Wartezeit ist jedoch kürzer als gedacht, und wir dürfen uns auf den extra eingerichteten Parkplatz stellen. Der Rest des Weges nach oben zum Damm ist zu Fuß zu bewältigen. Je höher wir laufen, desto stärker weht der Wind. Oben angekommen, pfeift er uns lauthals um die Ohren. Augenblicklich halten wir all unsere Habseligkeiten krampfhaft fest, um nicht, wie einige andere Touristen, den Felswänden unfreiwillig Mützen, Schals und Sonnenbrillen als Souvenir zu hinterlassen.

Wir laufen ein paar Meter auf der Hochbrücke entlang, bis wir einen perfekten Blick auf den uns zu Füßen liegenden Hoover Dam haben. Es ist der Wahnsinn! Der für den Bau des Damms notwendige Beton hätte für eine Straße von San Francisco nach New York gereicht.[3] Wir haben diese Strecke erst vor etwas mehr als einer Woche mit dem Flugzeug selbst zurückgelegt und können uns daher die Ausmaße nur zu gut vorstellen.

Durch den Damm ist der Stausee „Lake Mead“ entstanden, der vom Naturreservoir „National Recreation Area Lake Mead“ umgeben ist. Früher durfte dieses riesige Wasserreservoir sogar für Bade- und Wassersport genutzt werden. Als allerdings die Menschen, die vom Wasser des Sees abhängig sind, von 10 Millionen im Jahr 1950 auf mittlerweile 30 Millionen wuchs und der Wasserspiegel so dramatisch sank, dass die Stromversorgung teilweise gefährdet war, wurde dies verboten. Seitdem gelten in Nevada und Arizona drastische Wassersparmaßnahmen.[3]

Las Vegas liegt nun praktisch vor unserer Nase. Ohne weitere Stopps steuern wir direkt unser Hotel „El Cortez“ (600 E Fremont St, Las Vegas, NV 89101 – Web) an. Natürlich beherbergt es im Erdgeschoss ein Casino – wie sollte es in Las Vegas anders sein – und blickt zudem auf eine lange Geschichte zurück: Mit seiner Errichtung im Jahr 1941 gilt es als längstes kontinuierlich betriebenes Hotel und Casino in Las Vegas und wurde somit am 22. Februar 2013 in das Nationale Register der historischen Orte aufgenommen.[4]

Schon an der Rezeption umgibt uns die unverwechselbare Casinoatmosphäre: wild blinkende Spielautomaten, über Roulettetische klackernde Jetons und in Hosentaschen klimpernde Münzen. Wir merken, wie unsere Aufregung steigt. Uns hält es nicht lange auf dem Hotelzimmer. Wenige Minuten später stehen wir bereits wieder auf der Straße, genauer gesagt auf der Fremont Street in Downtown. In dieser früher als „Glitter Gulch“ („Glitzerschlucht“) benannten Straße schlug im Jahr 1905 die Geburtsstunde von Las Vegas: Erste Casinos öffneten ihre Pforten und Neonreklamen zeigten den Besuchern den Weg.[5]

In den 80er- und 90er-Jahren verblasste die Straße jedoch gegen die Konkurrenz am Las Vegas Boulevard (besser bekannt als „Strip“) und verwahrloste zusehends. Um die Menschen wieder anzulocken und die Gegend wiederzubeleben, ließen die zehn Besitzer der an der Fremont Street ansässigen Hotels im Jahr 1995 die Fremont Street zu einer überdachten Fußgängerzone umbauen.[6] Highlight dieser Fremont Street Experience ist die über fünf Straßenblocks reichende (umgerechnet ca. 475 Meter lange) „Viva Vision Videoleinwand“, auf die abends in einer Höhe von rund 27 Meter mit 12,5 Millionen LED-Leuchten und einem 550.000 Watt Soundsystem spektakuläre Licht- und Soundshows projiziert werden.[7]

Bekanntheit erlangte dieser Stadtteil darüber hinaus oder auch gerade deswegen als Filmkulisse in verschiedenen Fernsehserien, wie beispielsweise „CSI – Las Vegas“.


Unser Fazit: Den US-Bundesstaat Nevada haben wir uns kurz vor unserem Besuch als einsame Wüstengegend vorgestellt. Bei der Besichtigung der Ghost Towns hat sich mehr oder weniger auch genau dieses Bild bestätigt: Leicht gespenstige, langsam verrottende Städte, für die sich niemand interessiert – bis der Tourismus sie als vielversprechende Einnahmequelle für sich entdeckt hat. Der Besuch einer Ghost Town ist aus unserer Sicht ein kleiner Umweg wert, aber es lohnt sich, vorher ein wenig zu recherchieren, um nicht einer rein für Vermarktungszwecke errichteten Ghost Town auf den Leim zu gehen.

Die Spielcasinostädte bilden einen umwerfenden Kontrast zu den Ghost Towns – allen voran Las Vegas – und haben unser anfängliches Bild von Nevada komplett auf den Kopf gestellt. Den dafür notwendigen Geldbeutel sollte man jedoch recht locker sitzen haben. Während die Lokale und die Hotels, insbesondere unter der Woche, unglaublich günstig sind, verleiten die zahlreichen Attraktionen und natürlich die Spielcasinos die Touristen mit Einfallsreichtum zum Geldausgeben.

Quellenangaben:
[1] USA Südwesten, Reise Know-How-Verlag, 2014, ISBN 978-3-89662-178-8, Seite 50
[2] USA Südwesten, Reise Know-How-Verlag, 2014, ISBN 978-3-89662-178-8, Seite 50
[3] USA Südwesten, Reise Know-How-Verlag, 2014, ISBN 978-3-89662-178-8, Seite 325
[4] https://elcortezhotelcasino.com (letzter Abruf: 01.09.2019)
[5] http://www.lasvegasreisen.com/fremont-street (letzter Abruf: 03.09.2019)
[6] https://www.amerika-usa-reisen.de/usa-blog/las-vegas/fremont-street/ (letzter Abruf: 03.09.2019)
[7] https://vegasexperience.com/about-us/ (letzter Abruf: 03.09.2019)

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