Einen ganzen Tag machen, worauf man Lust hat. Gemütlich durch die Stadt schlendern und einfach nur die weihnachtlich dekorierten Schaufenster betrachten. Ohne langen Einkaufszettel, ohne konkretes Ziel. Sich für eine Stunde in ein Café setzen. Ohne Zeitdruck, einfach nur eine Kleinigkeit essen und bei einer heißen Schokolade ein Buch lesen.
Ein komisches Gefühl. Früher war es fast eine Selbstverständlichkeit, auf diese Weise mal einen Tag zu verbringen. Heute ist es wie Urlaub. Sich um Nichts kümmern müssen, keine Verantwortung für jemand anderen spüren. Nur der Gedanke „Worauf habe ich als Nächstes Lust?“ bestimmt den nächsten Schritt.
Sehnsucht nach dem „alten“ Leben
Wie kann es aber sein, dass solch ein Tag nicht die vollständige Erfüllung und Glückseligkeit bringt? So viele Wochen hat man in der Hektik des Alltags diesen einen Tag herbeigesehnt und sich darauf gefreut. Und jetzt? Jetzt schwingt da noch etwas ganz anderes mit. Ein Gefühl, das sich schwer beschreiben lässt. Als ob man so viel Ruhe und Zeit für sich selbst nicht mehr gewohnt ist. Anders ausgedrückt: Es scheint, als sei das wilde Baby-/Kleinkind-Leben schon förmlich in einen übergangen. Kann es wirklich sein, dass man – ohne es geahnt zu haben – in einem neuen Leben angekommen ist? Hat man sich etwas vorgemacht, indem man dachte, man sehne sich nach dem alten Leben voller Freiheit und Spontanität? Und diese Sehnsucht würde für immer bestehen?
Vielleicht liegt die Wahrheit, wie so oft, irgendwo dazwischen. Denn eins ist sicher: Man hat sich als Person verändert. Der Fokus hat sich verschoben, der Alltag ist ein anderer geworden. In Zeiten, in denen es stressig zugeht, die Welt einem scheint, über den Kopf zu wachsen, wächst auch die Sehnsucht nach den „alten, ruhigen“ Zeiten. Doch häufig vergisst man, dass es zumeist eine vermeintliche Ruhe war.
Der Job war ein anderer, der Stress derselbe
Statt ein quengeliges Kind zu beruhigen, hatte man gegensätzliche Kollegen-Meinungen überein zu kriegen. Statt als Mama ein Gericht, das begeisterte Kinderaugen hervorruft, auf den Tisch zu zaubern, hieß es früher als Scrum Master das richtige Rezept für ein funktionierendes Team zu finden. Vielleicht hilft es, sich genau das einmal vor Augen zu führen. Wirklich stressfreier war das baby- und kindfreie Leben nicht. Einziger Unterschied: Es war einfacher, sich nach getaner Arbeit – oder auch mal zwischendurch – eine Verschnaufpause zu gönnen.
Und vielleicht liegt genau darin des Pudels Kern verborgen. Jeder Job, den man mit Leib und Seele ausübt, kann das Stresslevel anheben. Der Punkt ist, hin und wieder eine Pause einzulegen, Abstand zum alltäglichen Tun zu schaffen. Das kann wahre Wunder bewirken und die Gedanken wieder zurechtrücken. Dass das meistens leichter gesagt ist als getan, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Doch zumindest ist es eine wichtige Erkenntnis, die einem bewusst macht, was es wirklich braucht, um die Facetten des Lebens genießen zu können und den sehnsüchtigen Blick in Richtung Vergangenheit loszuwerden.